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drjaw

Inmitten einer wunderschönen Landschaft in der Nähe einer
großen Stadt befindet sich der Bauernhof „Schweineidyll“. In
einer Ecke liegt eine Gruppe Schweine zusammen und grunzt
leise vor sich hin.
Der Bauer Manfred schaut immer wieder skeptisch zu der
Runde und macht sich Gedanken, was da wohl wieder los ist. Er
bekommt in den letzten Wochen verstärkt den Widerstand seiner
Schweine zu spüren. Häufig ist ein endloses starkes Grunzen aus
den Ställen zu vernehmen.
Bei der Gruppe der Schweine, die da zusammen liegt handelt es
sich um den Vorstand des Vereins „Schweineglück“.
Die Hofschweine von Bauer Manfred haben sich zu einem
Verein zusammengeschlossen.
Mittlerweile sind 90 % der Hofschweine in diesem Verein
organisiert, aber nur etwa 33 % sind auch wirklich glücklich. Es
sind diejenigen, die im vergangenen Jahr in den Genuss
gekommen sind den neuen Stall zu beziehen.
Da Schweine gesellige Tiere sind freuen sie sich besonders über
den Umstand, dass sie in größeren Gruppen zusammenleben
können. Das Futter wird nicht mehr durch Bauer Manfred
rationiert, nein, sie können es sich nach Bedarf selbst nehmen.
Die restlichen Schweine stehen jetzt immer an einem Bauzaun
und beobachten den Neubau eines riesigen Stalles. Dort sollen
sie in etwa 6 Wochen einziehen. Die Vorfreude ist groß und sie
können den Umzug kaum noch erwarten.
Allerdings geht auf dem Hof das Gerücht um, dass die
Menschen, jedenfalls viele, eine große Antipathie gegen die
sogenannte Massentierhaltung entwickelt haben. Sie sind der
Auffassung, dass eine solche Haltung nicht schweinegemäß ist.
Als Alternative haben sie eine vegetarische oder sogar vegane
Lebensweise entdeckt. Die Empörung ist groß! Was haben die
Menschen nicht alles an den Schweinen herumgezüchtet. Das
ging so weit, dass die Wirbelsäule verlängert wurde. Ziel war es
mehr Kotelett pro Schwein zu produzieren. Für die Schweine
führte das zu Haltungsschäden und Kreuzschmerzen – sie hatten
plötzlich „Rücken“. Die Schweineorthopäden hatten einen
großen Zuspruch.
Vielen Schweinen mangelte es zunehmend an Bewegung,
trotzdem sollten sie kein Fett ansetzen. Es war einfach nicht
mehr nachvollziehbar.
Jetzt war das alles plötzlich vergessen. Vegan und Vegetarier
war nun das Maß aller Dinge.
Auch unter den Schweinen werden diese Probleme kontrovers
gegrunzt.
Das hat den Vorstand des Vereins auf den Plan gerufen und sie
zur Einberufung einer außerordentlichen Vorstandssitzung
veranlasst. Im Ergebnis wird beschlossen, noch vor der
Eröffnung des Riesenstalls eine Vollversammlung aller
Schweine des Hofes abzuhalten. Als Gäste haben sie das
Ministerschwein Alfons von der Kottelettranch und Vertreter
seines Ministeriums, sowie des Landesverbandes eingeladen.
Sie wollen versuchen, auch Schweine der Nachbarhöfe für eine
Teilnahme zu gewinnen. Als Termin wurde der 31.06.15 des
schweinischen Kalenders festgelegt.
Heute, am 31.06.15, herrscht eine hektische Unruhe auf dem
Hof. Die Teilnehmer an der Konferenz treffen nach und nach
ein. Leider war es nicht gelungen Schweine aus der
Nachbarschaft zur Konferenz einzuladen. Die Bauern ließen die
abgeordneten Schweine einfach nicht auf ihre Höfe. Als
Begründung murmelten sie etwas von Maul- und Klauenseuche
und „Wo gibt es denn so was“, vor sich hin.
Zur Begrüßung der Gäste hat sich eine Gruppe junger Säue
bereitgestellt und wird noch einmal durch die alte, erfahrene
Sau Berta in den Ablauf eingewiesen.
Da, alle wenden sich zur Hofeinfahrt, fahren mehrere
Schweineräder auf den Hof, gefolgt von einem prunkvollen
Wagen. Sie halten vor dem Stalltor. Das Fahrerschwein
Herbert springt heraus, läuft um den Wagen und öffnet die
hintere Tür. Würdevoll und sich seiner Bedeutung bewusst steigt
Ministerschwein Alfons v.d.K. aus. Herbert nestelt an ihm
herum, streift den Ministerschwanz glatt noch oben und steigt
wieder in den Wagen.
Das Vorsitzende Vereinsschwein Rüdiger begrüßt den hohen
Gast und geleitet ihn erst einmal an den Begrüßungstrog. Beide
schmatzen einen Imbiss und grunzen dabei wichtige Dinge über
Schweine im Allgemeinen und die Säue im Besonderen.
Währenddessen treffen allmählich die anderen Gäste ein. Der
Konferenzstall wird immer voller.
Die Gäste nehmen im Präsidium Platz und zuletzt erscheint das
Ministerschwein Alfons v.d.K.
Der Vorsitzende begrüßt die Gäste, insbesondere das
Ministerschwein und die Ministerialsau Clothilde von der
Schnitzelfarm, Vorsitzende der Fachabteilung „Schwein und
Umwelt“ und den Vorsitzenden des Landesverbandes
„Glücksschwein“ Maximilian von der Eisbeinfarm.
Ein freundliches Grunzen und quieken geht durch den Stall. Das
Ministerschwein ist stolz, kann doch der Beifall nur ihm gelten.
Er erhält das Wort, räuspert sich und grunzt los.
„Liebe Schweine, liebe Säue, werte Gäste,
ich möchte mich zunächst einmal für die freundliche Einladung
ganz herzlich bedanken. Es zeigt doch, wie gut sich unsere
Zusammenarbeit mittlerweile entwickelt hat. Doch was hat uns
das für Mühen gekostet, bis ich das erreicht hatte?“ – Ein
unwilliges Grunzen entwickelt sich in der Runde und das
Ministerschwein stockt plötzlich. Er bekommt einen
rotfleckigen Kopf und blättert hektisch in seinen Unterlagen.
Die Vorsitzende der Fachabteilung kann sich ein Grinsen nicht
verkneifen.
Das Ministerschwein hat festgestellt, dass man ihm die falsche
Rede mitgegeben hat. Eine echte Schweinerei!
Es wird daher sofort mit der Diskussion begonnen. Viele
Themen werden, teilweise ausgiebig, gegrunzt und gequiekt.
Ganz deutlich ist zu erkennen, dass die Meinungen weit
auseinandergehen. Die Schweinerei spaltet sich in 2 große
Lager. Auf der einen Seite stehen die Umweltsäue, auf der
anderen die Traditionsschweine. Die Meinungen einzelner
Schweine oder verschiedener Splittergruppen wird ignoriert.
Die Umweltsäue sind der Meinung, dass durch zielgerichtete
Ernährung der Gülleanfall reduziert werden muss. Ausserden
soll an die Fachabteilung „Schwein und Umwelt“ der Auftrag
ergehen, einen Raumspray und ein Deodorant zu entwickeln. Sie
wollen damit dem gegenwärtigen Trend Rechnung tragen, dass
immer mehr Städter auf das Land ziehen und sich dort dann über
den Geruch beschweren. Beide Sprays sollen in der Note
„Stadtluft“ gehalten werden, um glückliche Stadtmenschen in
das Landleben zu integrieren.
Die Gruppe der Traditionsschweine wiederum ist der Meinung,
dass alles so bleiben soll wie seit Jahrhunderten üblich. Das
Schwein soll nach Schwein riechen dürfen und ein gesetzliches
Recht auf Gemeinschaft haben. Allerdings sollen die Menschen
verpflichtet werden die benachbarte Biogas – Anlage
schweinegerecht auszubauen.
Nach zwei Stunden geht es in die Pause.
Als High light ist eine Stallbegehung vorgesehen. Die Hälfte der
Teilnehmer nimmt diese Möglichkeit auch wahr. Die andere
Hälfte steht um die bereit gestellten Imbisströge herum und
schlägt sich die Mägen voll.
Nach etwa 45 Minuten kommen die Schweine von der
Besichtigung zurück und grunzen und quieken aufgeregt
durcheinander. Die Konferenz geht weiter und diskutiert über
die Vor- und Nachteile der neuen Stallbauten.
Besonders das Problem der Lärmbelästigung durch die Bio –
Gasanlage wird immer wieder thematisiert.
Vor allem junge Mutterschweine beschweren sich massiv beim
Ministerschwein und der leitenden Fachabteilungssau, dass sie
durch den Lärm unangemessen stark bei der Aufzucht ihrer
Ferkel behindert werden. Beide nicken mit ernsten Minen.
Selbst der Landesverbandsvorsitzende nickt mit leerem Blick.
Er scheint nicht so recht begriffen zu haben, wo das Problem
liegt. Hilfesuchend blickt er seinen Minister an. Dieser wirft ihm
einen wohlwollenden Blick zu, woraufhin sich der Vorsitzende
zufrieden zurücklehnt.
Die Zeit ist wie im Fluge vergangen. Der Vereinsvorsitzende
blickt in die Runde und fragt ob es noch Grunzmeldungen gibt.
Er wartet eine Sekunde und erteilt dem Ministerschwein das
Wort:
„ Liebe Schweine,
es war eine erfreulicherweise sehr gehaltvolle und zielorientierte
Diskussion, der ich beiwohnen durfte. Meine Erwartungen
haben sich voll erfüllt. Die angegrunzten Probleme werde ich
mit ins Ministerium nehmen und dort an meine Mitarbeiter
weitergeben. Diese werden sie an ihre Mitarbeiter weitergeben.
Dort wird dann der weitere Weg beraten, nach Lösungen
gesucht und Pläne erarbeitet. Die Mitarbeiter der verschiedenen
Ebenen werden in ausführlichen Konferenzen über die
Ergebnisse berichten. Schließlich werde ich informiert. Die
Beschlussfassung obliegt dann mir in enger Abstimmung mit
meinen Fachbereichsleitern. Natürlich informiere ich diese über
meine Entscheidung, die sie dann an ihre Mitarbeiter
weitergeben. Meine Presseabteilung wird dann Ihren Vorstand
informieren und der wird Sie in geeigneter Art und Weise in
Kenntnis setzen.
Für heute möchte ich mich bedanken und Ihnen weiter viel
Erfolg in Ihrer Verbandsarbeit wünschen!“
Der Ausmarsch des Präsidiums gestaltete sich wieder sehr
würdevoll. Die Eskorte erscheint, der Schweinewagenfahrer
hilft dem Ministerschwein aus dem Präsidiumssitz, streicht ihm
den Ministerschwanz glatt und die Jungsaugruppe wedelt mit
ihren rosa Fähnchen.
Auf dem Hof verschwinden die Fahrzeuge mit quietschenden
Rädern in einer großen Staubwolke. Sie hinterlassen hustende
Schweine und viele offene Fragen. Keiner weis wirklich wie es
nun weitergehen soll.
„Wir lassen uns mal überraschen“, meint der
Vereinsvorsitzende. „Wir bleiben jedenfalls am Problem dran!“
Bauer Manfred steht am Hoftor und schließt es langsam. Er
versteht überhaupt nichts mehr. „Diese verrückten Schweine“,
brummelt er vor sich hin.